Warum ich ein Glückskind bin

Ich spreche ungern über meine persönlichen Herausforderungen. Es fällt mir schwer, Bedürftigkeit und Verletzlichkeit zu zeigen. Heute schreit mein Herz aber danach, hier etwas zu offenbaren…

Die letzten Jahre waren nicht einfach für mich. Ich musste eine Privatinsolvenz anmelden, habe in zwei Jahren zwölf Todesfälle im nahen Umfeld erlebt, habe meine Wohnung, meinen Job, einen Hund und viele Freunde verloren und war mit einer chronischen Erkrankung insgesamt fast ein halbes Jahr im Krankenhaus. Niemandem würde ich wünschen, zu erleben, was ich erlebt habe. Aber ich erzähle das nicht, weil ich mir Mitleid wünsche. Nein, ganz im Gegenteil. Ich möchte betonen, wie unglaublich dankbar ich für dieses Leben bin. Mit allen Höhen und Tiefen.

Und auch wenn ich das, was passiert ist, niemandem wünsche, wünsche ich jedem Menschen die Erkenntnisse, die ich aus eben diesen herausfordernden Jahren gezogen habe. Und damit ihr nicht auf die Idee kommt, auch solche Sachen erleben zu müssen, um weise zu werden, möchte ich euch teilhaben lassen an meiner Dankbarkeit und euch erzählen, warum ich ein unglaubliches Glückskind bin 😊

Weil ich weiß bin

Aus aktuellem Anlass möchte ich mit diesem Punkt beginnen und euch eine kleine Geschichte erzählen, die mir klargemacht hat, was Privilegien bedeuten. Vor einigen Jahren entschied ich mich dafür, für meine Masterarbeit zum Thema Krieg und Krisen nach Ruanda zu reisen. In das Land, in dem vor ca. 25 Jahren einer der grausamsten Völkermorde aller Zeiten stattfand. Zwei Monate reiste ich, meist allein, durchs Land, um verschiedene Projekte zu besuchen und mit Opfern des Völkermords zu sprechen.

Oft war ich in ländlichen Gegenden unterwegs. Gegenden, in denen viele der dort lebenden Menschen noch nie eine weiße Person gesehen hatten. Weiß sein, das bedeutete für die Mehrheit der Ruander reich sein, privilegiert sein und in einer fremden, besseren Welt leben. Meine Welt war allerdings nichts von dem. Ich hatte Depressionen, war völlig abgebrannt und fühlte mich so gar nicht privilegiert. Ganz zu schweigen von der psychischen Belastung, die ich beim Hören der grausamen Verbrechen empfand.

Und selbst wenn ich dem Klischee entsprochen hätte: Ich fand es befremdlich, der Alien zu sein, ständig verfolgt und angefasst zu werden. Gut, manchmal war ich auch amüsiert, wenn die Kinder herausfinden wollten, ob meine weiße Hautfarbe abzurubbeln ist und ich nicht doch eigentlich schwarz bin. Aber in der Regel war es unangenehm, aufzufallen.

Eines Tages, im Gespräch mit einer afrikanischen Entwicklungshelferin, rutschte mir ein Satz raus, der mir heute noch im Kopf herumspukt. Ich sagte: „Ich wünschte, ich wäre schwarz.“ Ich wünschte mir, mich in der Masse verstecken zu können. Zu Recht empörte sich die Dame, womit ich in der Situation wiederum wenig anfangen konnte. Waren meine Gefühle doch berechtigt. So konnte ich nicht arbeiten! Man verurteilte mich! Man grenzte mich aus! Man übertrat meine Grenzen! Man unterstellte mir reich und privilegiert zu sein! Was für eine Unverschämtheit!  

Vielleicht merkt ihr beim Lesen schon, wie absurd das klingt. Klar, ich hatte Recht. Doch heute wird mir wieder, mehr denn je, klar, dass das, was ich erlebte, ein Fliegenschiss war zu dem, was Persönlichkeiten, die Minderheitengruppen angehören, also schwarz, körperlich oder geistig behindert, schwul, lesbisch, bisexuell etc. sind, ständig erleben. Sie leben mit uns. Sie leben mit Menschen, die anders aussehen. Mit Menschen, die sie verurteilen. Ständig. Sie reisen nicht mal eben zwei Monate in ein Land, wo sie auffallen, sondern sie fallen täglich auf und können in der Regel nichts dafür oder dagegen tun. Das müssten sie auch nicht. Wenn wir nicht solche Arschlöcher wären.

Mein Vater war schwer behindert. Der Schmerz und die Scham, die er ertragen musste, wenn selbst Fachärzte ihn als „Quasimodo“ vorführten, sitzt auch in meinen Zellen noch tief. Ich kann zumindest erahnen, was es heißt, anders zu sein, und habe mein Leben lang versucht, alle Menschen gleich zu behandeln. Das hat nicht immer funktioniert. Aber ich habe mich bemüht.

Heute weiß ich: Meine Gefühle in Afrika waren berechtigt. Trotzdem ist es ein unglaubliches Privileg, nicht verurteilt zu werden aufgrund seiner Hautfarbe, seiner gesundheitlichen Verfassung, seiner sexuellen Ausrichtung, seines Aussehens oder allem anderen. Dieses Privileg sollte jedem zuteilwerden. Denn im Herzen sind wir alle gleich.

Weil ich in Deutschland aufgewachsen bin

Niemand sucht sich aus, in welches Land er geboren wird. Okay, ich glaube dran, dass sich die Seele das schon aussucht. Aber die Psyche und unser Verstand suchen sich das eben nicht aus. Wenn ich mir mein Geburtsland aber nun ausgesucht hätte, hätte ich höchstwahrscheinlich Deutschland gewählt. Vielleicht auch Frankreich wegen des Käses und des unprätentiösen Autofahrens und der schönen Küsten. Oder Schottland wegen der Dudelsäcke, der Würstchen und der Isle of Skye. Aber wahrscheinlich hätte ich mir eben doch Deutschland ausgesucht. Warum? Weil wir es hier guthaben. Punkt.

Weil ich in einem reichen Land lebe, in dem ich wählen gehen darf, als Journalistin arbeiten kann, ohne weggesperrt oder erschossen zu werden, in dem ich laktosefreien Frischkäse kaufen kann (ja gut, da besteht jetzt ein inhaltliches Gefälle, ist aber wichtig!) und eine Krankenversicherung habe, die sogar Akupunktur, Therapien und Yogastunden bezahlt. Ein Land, in dem ich nachts spazieren gehen kann, die Parks sauber sind und eine Heizung und Warmwasser zur Grundausstattung gehören. Achja, und indem es echt wenig Naturkatastrophen gibt. Das ist grandios. Wirklich. Wir vergessen das oft. Aber es ist so verdammt viel wert! In Deutschland geboren zu werden ist ein Privileg, für das ich so unsagbar dankbar bin.

Weil ich lieben kann

Mir war lange nicht ganz klar, dass es Menschen gibt, die sich mit dem Lieben schwertun. Ich dachte, das könnte jeder. Weil wir doch alle ein Herz haben. Aber ich musste feststellen: So einfach ist die Sache nicht. Manche Menschen haben so fürchterliche Dinge erlebt, dass ihr Herz erstarrt ist. Dass sie taub geworden sind für die Liebe. Die weder lieben noch Liebe empfangen können. Sie können Berührungen nicht genießen, liebe Worte nicht annehmen, gesunde Beziehungen nicht aufbauen. Und erst recht nicht anderen Menschen ihre Liebe zeigen.

Ich selbst hatte keine einfache Kindheit. Ich musste mühsam lernen zu vertrauen, mich selbst zu lieben, an mich zu glauben, Ängste und Blockaden zu überwinden, mich auf das Leben einzulassen. Aber der Himmel hat mir nie die Fähigkeit genommen, Menschen aus tiefstem Herzen zu lieben. Und das ist ein riesiges Geschenk.

Weil ich hochsensibel bin

Ja. Die Sache mit der Hochsensibilität. Ein Fluch ist das. Dachte ich lange. Und denke es immer noch manchmal, wenn ich meinen Mitmenschen erklären muss, dass ihre Café-del-Mar-Hintergrund-Musik mich in den Wahnsinn treibt, warum ich innerhalb weniger Minuten ihre wunden Punkte erkenne oder sie nicht verstehen, dass ich ihre emotionale Energie ungefiltert aufnehme und dann genauso traurig, wütend oder ängstlich bin wie sie. Das ist nicht immer einfach.

Aber es ist auch so ein Glück! Meine Hochsensibilität ermöglicht mir, viel mitzubekommen, querzudenken, das große Ganze zu sehen, wach zu sein und vor allem mein Gegenüber äußerst treffsicher einzuschätzen. Eine Kollegin sagte mal, ich könnte Schatten, also das Unterbewusste meiner Mitmenschen, lesen. Damit hatte sie wohl recht. Wäre ich nicht so sensibel, wären zwischenmenschliche Kontakte nicht so spannend und mein Leben nicht so magisch.

Weil ich reich bin

Nein nicht monetär. Da bin ich (noch) eine arme Kirchenmaus. Aber in vielen anderen Bereichen lebe ich in großer Fülle. Ich bin mit Kunst, Kultur und Literatur aufgewachsen. Mein Kopf ist voll von wunderbaren, bewegenden Geschichten, Bildern und Eindrücken. Ich habe eine gute Bildung genossen und kann daher auf ein gutes Allgemeinwissen zurückgreifen, was mir mein Leben wirklich erleichtert.

Ich hatte immer Freunde, die mir bei meinen Umzügen geholfen, mir zugehört und auch mal Geld geliehen haben, wenn mein Kühlschrank und mein Geldbeutel leer waren. Ich bin reich, weil es mich unbeschreiblich glücklich macht, lernen zu dürfen und immer wieder sehr tiefe, persönliche Gespräche mit fremden oder vertrauten Menschen zu führen.

Ich bin reich, weil ich ein Dach über dem Kopf, Essen, mehrere hundert Bücher, ein Fahrrad und eine fantastische Kamera habe. Und ich bin reich, weil mein Herz voll ist mit Erinnerungen an magische Momente, tolle Menschen und aufregende Erfahrungen.

Weil ich ein verdammt herausforderndes Leben hatte

Ich muss zugeben: Es gab so viele Momente in meinem Leben, in denen ich dachte: Wenn jetzt noch eine Sache schiefläuft, noch ein Schicksalsschlag passiert, noch ein Traum zerplatzt, dann stehe ich nie wieder auf. Oft ist dann genau das passiert. Es kam noch dicker, noch schlimmer, noch herausfordernder. Und ich habe mich tatsächlich hingelegt – und an die Decke gestarrt, geheult, gezweifelt, das Leben verflucht und nichts verstanden. Aber ich bin immer wieder aufgestanden.

Heute weiß ich: Mein Leben ist ein unendlich großer Schatz. All die Herausforderungen – die Schmerzen, die Geldsorgen, die Existenzängste, die Verluste, der Herzschmerz, die Selbstzweifel – haben meinem Leben eine unglaubliche Tiefe verliehen. Ich hatte schon immer viel Mitgefühl, aber seit ich diese Situationen selbst durchlebt habe, kann ich mit anderen Menschen auf einer Frequenz schwingen, die ich ohne diese Erfahrungen nie erreicht hätte.

Ohne diese Erfahrungen hätte ich keine Treffen für Persönlichkeitsentwicklung veranstaltet, ich hätte keine Coachingausbildung begonnen und ich hätte diesen Blog nicht. Ich hätte sicher was anderes Nettes gemacht, aber das wäre eben nicht meine Berufung. Die Akzeptanz meines Schicksals lässt mich mit Demut und Dankbarkeit auf 35 Lebensjahre zurückblicken, in denen vieles schwer, aber nichts umsonst war.

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