Mein ganz persönlicher Jahresrückblick

„Vulnerable is the new sexy“. Sich verletzlich zeigen schafft Nähe und Vertrauen. Und es nimmt die Last von den eigenen Schultern. Deswegen habe ich mich in diesem Jahr für einen sehr persönlichen Jahresrückblick entschieden. Viel Spaß beim Lesen!

Hey 2019,

what the heck? Was warst du für ein seltsames Jahr? Und wie plötzlich kamst du bitte um die Ecke? Dabei war ich im Januar noch voll beschäftigt mit meiner Weiterbildung zur Referentin für Unternehmenskommunikation, pendelte zwischen Düsseldorf und Köln, war auf der Suche nach einem Zuhause, nach Sinn, nach Liebe und nach innerer Ruhe. So richtig hatte ich dich gar nicht wahrgenommen. Ich war nicht bei mir und erst recht nicht bei dir.

Doch auf einmal knallte es. Da kam die große Veränderung. Ein neues Jobangebot. Ganz plötzlich. Mein Bauch sagte: da läuft was verkehrt. Der Kopf sagte: Take it, so schnell kommt nichts Besseres. Du wusstest, ich muss da durch. Muss mich behaupten, mich abgrenzen, Konflikte austragen. „Sonst hättest du das nie gelernt“, sagst du heute. Ja, du hast Recht. Aber ging das nicht netter? So weichgespültes Abgrenzen? Mit viel Liebe und Harmonie?

Dass das nicht geht, hast du mir noch einige Male gezeigt. Danke für die vielen Narzissten in diesem durchgedrehten Jahr. Danke, dass du mir meinen Schatten gezeigt hast. Danke, dass du mich in meine Angst gestoßen hast, damit ich auf der anderen Seite gestärkt rauskomme. Und danke auch, dass wir mit dem Thema Abgrenzung erstmal durch sind. Sind wir doch, oder? Ich habe nämlich gerade genug. Ja, ich weiß, das sind Prüfungen fürs Leben. War trotzdem genug fürs erste.

Was war noch? Achja, die neuen Freunde, die du mir gleich wieder weggenommen hast, weil sie nicht zu mir passen. Das war auch nicht so nett von dir. Ich mochte die. Aber naja, du hast ja Recht. Da geht mehr. Echte Freunde. Die auch mal ne Postkarte schreiben, wenn ich wochenlang im Krankenhaus vergammel. Oder mal vorbeikommen. „Das kommt alles noch“, sagst du. „Erstmal musst du lernen, mit dir selbst auszukommen.“ Das macht keinen Spaß, weißt du. Ich will auch mal Friede, Freude, Eierkuchen.

Apropos Eierkuchen: weißt du noch, dass ich früher allen meinen Liebhabern Eierkuchen gemacht habe? Meinst du, damit sollte ich mal wieder anfangen? Wobei… da sind wir beim nächsten Thema. Die Sache mit der Liebe. Du weißt schon in der Klinik. Der Kurschatten, der kein Kurschatten war, sondern ein Seelenverwandter… wie lange lieben wir uns eigentlich schon? 1000 Jahre bestimmt, oder? Wie in dem Lied „A thousand years“? Du sagst es mir nicht, oder? Naja, ist ja auch egal. Wir sind ja eh nicht zusammen. Wir sollten uns nur heilen mit unserer Liebe, hast du mir erklärt. Aber geht da nicht mal mehr? So mit hübscher Altbauwohnung und zwei Hunden? Ich frag mal bei 2020 nach. Da muss doch was gehen. Zwei ist schließlich meine Lieblingszahl.

Ok ok, ein paar Hunde habe ich 2019 zumindest kennengelernt. Und Kirschenernte in Meckpomm mit Gänsekacke und Selbstfindungsseminar gab’s dazu. Meine Güte, was habe ich an mir gearbeitet. So viele Seminare. So viel Meditation. So viel Reflektion. Ein ganz neuer Mensch bin ich geworden. Ja wirklich. Ein bisschen stolz bin ich schon. „Vor allem durchs Leben hast du gelernt“, sagst du? Genau. Deswegen gab’s 2019 auch so viel davon – dank dir. Manchmal ein bisschen zu viel. Der zweite Job nämlich… da müssen wir noch drüber reden… warum sollte ich den nochmal machen? Du wusstest doch genau, dass ich zu sozial für so ein Amt bin! Es hätte doch jetzt echt mal rundlaufen können. „Erstens hättest du ja auch auf deine Freunde hören können“, sagst du jetzt. „Und zweitens war das nochmal eine Möglichkeit zu dir selbst zu stehen.“

Ja. Stimmt. Ich kann jetzt viel besser allein sein. Ich mag mich. Zumindest viel mehr als früher. Was war ich für ein Häufchen Elend! Aber nun ist doch auch erstmal gut mit Selbsttherapie und Ernsthaftigkeit, oder? Ich meine wirklich. Wie oft haben wir gelacht? Gar nicht, oder? Lustig warst du nicht, 2019! Naja gut, ja, da war die Sache mit dem Deeskalationstrainer. Meine Güte, ich hätte nie gedacht, dass jemand so witzig und sympathisch sein kann, obwohl er den ganzen Tag nur Leute anschreit. Aber weißt du was, der war auch auf spirituellen Transformationsseminaren. Da hat er bestimmt rausgefunden, dass sein Seelenweg darin besteht, Leute anzuschreien… Aber das ist ein anderes Thema.

Was sonst noch so los war? Ich habe mit verrückten Sachen wie dem Mantrasingen angefangen, bin dreimal umgezogen, hab mit Seniorengruppen bei Galette und bretonnischem Wein über Epikur diskutiert und einen Stammtisch für Persönlichkeitsentwicklung gegründet. Und last but not least: Ich hab jetzt endlich wieder ein Sofa. Nach sechs Jahren. Dufte Sache! Ein Sofa verleiht ein ganz neues Lebensgefühl. Hilfe zu bekommen übrigens auch. 2019 gab es diese famosen Menschen, die mir einfach so geholfen haben. Als nichts mehr ging. Die waren einfach da und haben mich unterstützt. Weil ich ein guter Mensch bin, haben sie gesagt. Das hat mich gerührt. Sehr sogar. Es war doch alles sehr zäh. Mit ein bisschen Liebe ist alles so viel einfacher.

Ach weißt du, du warst nicht nur doof. Und für irgendwas ist das sicher alles gut. Aber sag mal 2020 Bescheid, dass es nen Gang runterfährt, was das Chaos, den Stress und die Seelenprüfungen angeht. Ich möchte einfach mal wieder was Schönes machen. Im Gras liegen und in den Himmel gucken. Tiramisu-Cupcakes essen. Eine französische Komödie gucken. Oder so. Und denken: Ach, watt is datt schön! Das wünsch ich anderen übrigens auch. Also machste klar, nä?

Danke!

Photocredit: Angela Neumann