Die Sache mit den Nachbarn und der Wut

Ich halte mich für ein im Großen und Ganzen freundliches und empathisches Wesen. Ich mag Menschen. Außer meine Nachbarn…

Vor zwei Jahren zog ich in meine jetzige Wohnung. Erleichtert stellte ich fest, dass die Hausgemeinschaft wirklich angenehm ist. Man grüßte freundlich, hielt sich die Tür auf und stellte sich am 6. Dezember kleine Nikoläuse vor die Tür. Ich mochte das. So war ich aufgewachsen und so mag ich die Welt. Ein halbes Jahr später zogen ein Paar in unser Haus. Sie wirkten nett. Man duzte sich. Es war in Ordnung.

Dass die Neuen ihre gerade erworbene Eigentumswohnung kernsanierten und ich so drei Monate weder vernünftig schlafen noch arbeiten konnte, versuchte ich zur Seite zu schieben. Des Friedens wegen und weil ich dachte: „Naja, irgendwie müssen sie ja vorankommen!“. Als ich dann aber immer öfter unter Migräne litt und auch wichtige Telefonate nicht mehr führen konnte, weil von morgens bis abends der Schlagbohrer mir das Hirn zu Brei hämmerte und Kommunikation zu einer Utopie werden ließ, sprach ich das Thema an. Mein Wunsch, zwei, drei Stunden Pause zu machen, wurde abgeschlagen. Man müsse mit der Arbeit vorankommen, es handele sich nur noch um ein paar Wochen. Dass der Nachbar mir jedes Mal, wenn er mich sah, die Tür vor der Nase zuschlug, machte die Situation nicht besser…

Eigentlich geht es um Kleinkram

Wie ich es als Kind gelernt hatte, schluckte ich meinen Ärger runter. Auf keinen Fall wollte ich die äußere Harmonie zerstören. Ich dachte, ich könnte die Angelegenheit in mir lösen. Zumindest konnte ich sie gut verdrängen. Bis vor ein paar Monaten. Da stand sie nun also vor mir: Die Nachbarin. Wutschnaubend. Sie könne es nicht mehr ertragen, sagte sie. Ich sei viel zu lange wach. Und würde viel zu viel in der Wohnung hin- und herlaufen. Ich erklärte, dass ich mich nur in dicken Socken fortbewegte und nun mal ein Nachtmensch sei. Das sei unerträglich, widerholte sie. Und kochte innerlich vor Wut.

So standen sich also zwei Menschen gegenüber, die wütend waren und lange versucht hatten, ihre Wut zu unterdrücken. So lange, bis sie dem Gegenüber nicht mehr in Liebe begegnen konnten. Es ging um lösbare Probleme, um Kleinigkeiten, wenn man sie mit den aktuellen Ereignissen im Nahen Osten vergleicht. Meine Nachbarn haben niemanden umgebracht, sie haben meine Wohnung nicht besetzt und mir auch keine Handgranaten durchs Fenster geworfen.

Und doch spürte ich nach der Begegnung mit der Nachbarin, wie Wut – wenn nicht sogar Hass – in mir aufstieg, wenn ich an sie dachte. Ein Gefühl, das alles vernebelte – wie der Rauch eines Waldbrandes, der sich durch das Dickicht frisst. Gekränkt, missachtet und unverstanden fühlte ich mich. Ich wollte nur noch weg.

Jenseits von falsch und richtig

In meiner Wut dachte ich an ein Zitat von Rumi. Der persische Dichter soll einmal gesagt haben: „Jenseits von falsch und richtig liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.“ Er meinte damit nicht, sich in der Mitte zu treffen, Kompromisse zu schließen. Auch das hätte in meinem Fall geholfen. Aber das wäre quasi der zweite Schritt. Was er vielmehr meinte: Es gibt einen Ort, wo es kein falsch oder richtig gibt, wo alle im Recht sind, wo alles sein darf.

An diesem Ort ist die Wahrheit einer Frau, die aus Vernachlässigung ihren Mann betrügt genauso gültig wie die Wahrheit des Mannes, der sich von seiner Frau betrogen fühlt. An diesem Ort dürfen sich Palästinenser genauso wie Israelis um ihr Land, ihr Leben und ihre Ressourcen betrogen fühlen. Und an diesem Ort können sich meine Nachbarn von mir genauso missachtet fühlen wie ich von ihnen. An diesem Ort gibt es nur Ursache und Wirkung, aber kein „So und nicht anders!“

Wut zu spüren ist gesund und berechtigt. Sie zeigt uns, was uns wichtig ist. Was wir schützen und bewahren wollen. Und wo unsere Werte verletzt und unsere Grenzen überschritten werden. Trotz aller Verständnis für die eigene Wut kann es trotzdem ab und zu helfen, den eigenen Standort zu verlassen und den Ort aufzusuchen, den Rumi beschreibt. Mit genug Distanz können wir sehen, dass die anderen Wesen auch ihre Werte, Grenzen und Wünsche haben. Und diese zwar nicht immer den eigenen entsprechen aber auch ihre Berechtigung haben.

Von oben sieht alles anders aus

Manchmal versuche ich das. Dann steige ich im Geiste auf einen kleinen Berg und schaue hinunter. Ich sehe die junge Frau, die gerne nachts arbeitet und ihre Nachbarin, die ein großes nächtliches Ruhebedürfnis hat. Ich sehe, dass die junge Frau tagsüber Ruhe braucht und sich freut, wenn man ihr die Tür aufhält, wenn sie schwere Taschen trägt. Und den Nachbarn, der die Handwerker nicht nach Hause schicken möchte, weil die Nachbarin gestresst ist und in Gedanken oft gar nicht mitbekommt, dass jemand vor der Tür steht.

Ich merke, wie die Wut in mir nicht mehr ganz so stark lodert und denke mir: „Man müsste öfter mal etwas Abstand gewinnen“. Langsam klettere ich den Berg wieder herunter. Unten angekommen fällt mir auf: „Jenseits von falsch und richtig liegt wohl die Liebe.“ Und frage mich, ob ich nicht doch im nächsten Winter zwei Schokonikoläuse mehr kaufen sollte.

Photocredit: Tamara Menzi / Unsplash